Matthäus, Markus, Lukas
Jesus verkündet: Gottes Herrschaft kommt nahe.
Schlag das Johannesevangelium auf. Gleich der erste Satz lautet: „Im Anfang war das Wort“ (Johannes 1,1).
Kurze Wörter. Einfache Sätze. Das könnte ein Kind lesen.
Und doch denken kluge Leute seit fast 2000 Jahren über diesen Satz nach.
Genau das ist das Besondere: Das Johannesevangelium ist ein Evangelium für Einsteiger. Und zugleich eines für Fortgeschrittene.
Für Einsteiger, weil Johannes eine ganz einfache Sprache spricht. Johannes nutzt wenige, klare Bilder: Licht, Brot, Weg, Leben.
Johannes sagt klar: Jesus ist der Sohn Gottes, der . Das Evangelium hat eine intensive . Und es hat einen weiten Blick für die Welt.
Für Fortgeschrittene, weil Johannes viel voraussetzt. Johannes erwartet, dass man die Geschichten über Jesus schon kennt. Diese Geschichten nennt man . Sie stehen bei Matthäus, Markus und Lukas, den .
Johannes schafft eine Alternative. Ganz an den Anfang setzt Johannes ein : Jesus ist das menschgewordene Wort Gottes.
Dann erzählt Johannes die Geschichte Jesu noch einmal ganz neu:
Also: Die Wörter und die Grammatik sind einfach. Der Inhalt ist schwer.
Doch wie anders ist Johannes wirklich?
Das Wichtigste vorweg: Johannes ist deutlich anders.
Anders sind der , das Thema, der Stoff und die Sprache.
Die Reisen: Bei Johannes ist Jesus dreimal in Jerusalem. Bei den Synoptikern nur einmal.
Das Thema: Bei den Synoptikern spricht Jesus vor allem von der Herrschaft Gottes. Bei Johannes geht es um Jesus selbst. Jesus zeigt, wer Gott, der Vater, ist. Jesus ist der des Vaters.
Der Stoff: Das meiste, was Johannes erzählt, steht nicht bei den Synoptikern. Und umgekehrt.
Die Sprache: Bei den Synoptikern erzählt Jesus , führt Streitgespräche und sagt kurze, starke Sätze in kleinen Szenen. Solche Szenen heißen . Bei Johannes hält Jesus lange Reden, also , und führt lange Gespräche, also . Darin kreist Jesus immer wieder um wenige große Themen.
Darum hat Johannes unter den vier Evangelien eine Sonderrolle.
Die folgende Übersicht stammt aus einem Lehrbuch. Sie zeigt die Unterschiede auf einen Blick:
| Thema | Matthäus, Markus, Lukas | Johannes |
|---|---|---|
| Am Ende des Wirkens (Markus 11,15) | Am Anfang des Wirkens (Johannes 2,12–22) | |
| Reisen nach Jerusalem | Eine Reise (Markus 11,1) | Drei oder vier Reisen (Johannes 2,13; 5,1; 7,10; 12,12) |
| Botschaft | Das Reich Gottes (Markus 1,14–15) | Jesus selbst als der Sohn; wichtig ist das ewige Leben |
| Ich-Worte | Wenige, oft als Menschensohn-Worte | Sieben Ich-bin-Worte mit Bild |
| Gegner | Pharisäer, Schriftgelehrte, führende Kreise am Tempel | Gegensatz: Die „Welt“ und „die Juden“ lehnen Jesus ab |
| Wie Jesus spricht | In Gleichnissen (Markus 4) | In langen Reden und wenigen Bild- und Rätselworten (Johannes 10; 15) |
| Rettung | Vor allem in der Zukunft (Markus 13) | Vor allem schon jetzt (Johannes 5,24–29) |
Ein paar Wörter dazu:
Die führenden Kreise am Tempel nennt man .
Die Rede vom Ende und von Gottes Rettung heißt . Liegt die Rettung vor allem in der Zukunft, nennt man das . Ist sie schon jetzt wirksam, nennt man das .
Johannes zeigt starke Gegensätze: Licht gegen Finsternis, Glaube gegen Unglaube. So eine Sicht heißt .
Für ein rätselhaftes Bildwort nutzt Johannes das griechische Wort παροιμία (). Ein Gleichnis heißt griechisch παραβολή (parabolē).
Aber: „Die Juden“ meint bei Johannes nicht alle jüdischen Menschen. Jesus und die Jünger sind selbst Juden. Man muss immer auf den Zusammenhang achten.
Wo steht das: bei Matthäus, Markus und Lukas oder bei Johannes?
Am deutlichsten zeigt sich das Besondere in einem kleinen Satzanfang: „Ich bin …“
Bei den Synoptikern spricht Jesus selten direkt mit „Ich“ über sich.
Bei Johannes sagt Jesus siebenmal „Ich bin …“ und fügt ein Bild hinzu. Man nennt sie die .
Die Bilder kommen aus dem Alltag. Aber sie sagen etwas Großes: wer Jesus ist und was Jesus für Menschen bedeutet.
| Ich bin … | Bibelstelle | Einfach erklärt |
|---|---|---|
| das Brot des Lebens | Johannes 6,35 | Jesus gibt das Leben, das Menschen im Innersten brauchen. |
| das Licht der Welt | Johannes 8,12 | Jesus gibt Orientierung und führt aus der Dunkelheit. |
| die Tür | Johannes 10,7.9 | Durch Jesus finden Menschen den Zugang zu Rettung und Leben. |
| der gute Hirte | Johannes 10,11.14 | Jesus kennt und schützt die Menschen und gibt sein Leben für sie. |
| die Auferstehung und das Leben | Johannes 11,25 | Jesus schenkt Leben, das der Tod nicht zerstört. |
| der Weg, die Wahrheit und das Leben | Johannes 14,6 | Durch Jesus kommen Menschen zum Vater. |
| der wahre Weinstock | Johannes 15,1.5 | Menschen bleiben mit Jesus verbunden wie Reben mit dem Weinstock. |
Lies sie selbst nach: Johannes 6,35, 8,12, 10,7–14, 11,25, 14,6, 15,1–5.
Aber: Die Zahl Sieben ist eine Auswahl. Es gibt noch mehr „Ich bin“-Sätze, auch ohne Bild. Am auffälligsten: „Ehe Abraham wurde, bin ich“ (Johannes 8,58). Jesus sagt: Es gab mich schon vor meinem Leben als Mensch.
Welches Bild gehört zu welcher Bedeutung?
Wenn Jesus so von sich spricht: Was sagt das über Gott? Und über die Welt?
Zwei Fragen helfen beim Vergleich.
Das Gottesbild: Wie zeigt ein Evangelium Gott?
Das Weltbild: Wie sieht es die Welt, die Menschen und ihre Beziehung zu Gott?
Gemeinsam Alle vier Evangelien erzählen von Jesus als Gottes Sohn. Sie setzen aber verschiedene Schwerpunkte.
Jesus verkündet: Gottes Herrschaft kommt nahe.
In Jesus zeigt sich Gott selbst.
Und die Welt? Bei Johannes steckt darin eine Spannung.
Gott liebt die Welt und will sie retten (Johannes 3,16). Zugleich lehnen viele Menschen das Licht ab.
Johannes zeigt das mit starken Gegensätzen: Licht und Finsternis, Glaube und Unglaube, Leben und Tod.
Wer an Jesus glaubt, hat das ewige Leben schon jetzt (Johannes 5,24). Die Hoffnung auf die Auferstehung bleibt trotzdem wichtig. Wenn es um Rettung und Heil geht, sagt man auch . Das wichtigste soteriologische Wort bei Johannes heißt „Leben“.
Aber: Die Gegensätze bedeuten nicht, dass zwei gleich starke Mächte kämpfen. Und „Welt“ meint nicht überall dasselbe. Mal ist sie Gottes geliebte Schöpfung, mal das, was sich gegen Jesus stellt.
So lässt sich festhalten: Jesus spricht nicht nur über Gottes Hilfe. In Jesus selbst begegnet den Menschen diese Hilfe: als Licht, Leben, Brot und Zugang zum Vater.
Ist Johannes also ein ganz eigenes Buch, das mit den anderen nichts zu tun hat?
Nein. Trotz aller Unterschiede gibt es viel Gemeinsames. Hier muss man genau hinschauen. Denn es gibt zwei verschiedene Arten.
Gemeinsamer Stoff heißt: Mehrere Evangelien erzählen dieselbe Geschichte. Bei Johannes vor allem:
Parallelen heißt: Nur ein Satz, ein Motiv oder eine Szene entspricht einander. Eine ist also kleiner als gemeinsamer Stoff. Die Geschichte drumherum kann ganz anders sein. Zum Beispiel:
Und noch mehr verbindet: Auch Johannes nennt einmal das Reich Gottes (Johannes 3,3.5). Und die Form ist dieselbe: Johannes erzählt wie die anderen von Jesu Wirken, Tod und Auferstehung.
Manche Fachleute ziehen daraus einen Schluss: Die Gemeinsamkeiten sind so stark, dass Johannes wohl nicht ganz unabhängig von den anderen geschrieben hat. Fachleute sagen: Mit kann man nicht rechnen.
Gemeinsamer Stoff oder nur eine Parallele?
Wenn Johannes so viel mit den anderen teilt: Wie viel wusste Johannes von ihnen?
Johannes beginnt nicht bei null. Johannes setzt synoptisches Vorwissen in großem Umfang voraus. Viele Geschichten erzählt Johannes gar nicht. Johannes deutet nur auf sie hin.
Die Taufe: Johannes erzählt die Taufe Jesu im Jordan nicht. Stattdessen sagt Johannes der Täufer: „Er ist Gottes Sohn“ (Johannes 1,32–34). Das klingt wie eine Antwort auf die Stimme vom Himmel bei Markus: „Du bist mein lieber Sohn“ (Markus 1,11).
Die Zwölf: Johannes erzählt nicht, wie Jesus zwölf Jünger auswählt. Plötzlich heißt es einfach „die Zwölf“ (Johannes 6,67–70). Eine Namensliste gibt es nicht.
Nazareth: Johannes zitiert einen Satz Jesu: Ein Prophet gilt nichts in seiner Heimat (Johannes 4,44). Die Geschichte dazu erzählt Markus (Markus 6,1–6). So einen einzelnen Ausspruch Jesu nennt man ein . Johannes nennt den Satz als Grund, also in einem . Das Verb steht dort im , einer Vergangenheitsform. Das zeigt nach dieser Deutung: Jesus hatte den Satz schon früher gesagt.
Bethlehem: Bei Johannes streiten Menschen: Der Messias muss doch aus Bethlehem kommen, nicht aus Galiläa (Johannes 7,40–44). Wer Matthäus und Lukas kennt, weiß mehr: Jesus wurde in Bethlehem geboren. Das ist Ironie.
Getsemani: In Johannes 12,27–33 ist Jesus tief erschüttert. Das erinnert an Jesu Angst in Getsemani (Markus 14,32–42). Ohne diese Geschichte versteht man die Stelle kaum.
Das Abendmahl: Johannes erzählt nicht, wie Jesus Brot und Wein austeilt. Diese Handlungen nennt man Gesten: Jesus nimmt Brot und Wein, dankt Gott, bricht das Brot und gibt es weiter. heißt „Danksagung“.
Johannes erzählt stattdessen die Fußwaschung (Johannes 13,1–20). Aber Johannes spricht von einem „Mahl“ (Johannes 13,2). Und in Johannes 6,52–58 denkt Jesus über Fleisch und Blut nach. Wer das Abendmahl kennt (Markus 14,22–25; 1. Korinther 11,23–26), denkt sofort daran.
Die Zebedaiden: In Johannes 21,2 tauchen plötzlich „die Söhne des Zebedäus“ auf. Das sind die : Jakobus und Johannes. Johannes erklärt nicht, wer sie sind. Die Leser kennen sie schon.
Welche bekannte Geschichte setzt Johannes voraus?
Das wirft eine Frage auf: Hatte Johannes eines der anderen Evangelien vor sich?
Die Vermutung liegt nahe. Es gibt interessante Überschneidungen.
Die Reihenfolge: Bei Markus und bei Johannes folgt auf das Brotwunder direkt Jesu Gang über den See (Markus 6,32–52; Johannes 6,1–21).
Die Richtung: Johannes setzt synoptische Kenntnisse voraus. Die Synoptiker setzen aber keine johanneischen Kenntnisse voraus. Es gibt keine einzige besondere Szene bei Johannes, die man kennen muss, um Markus zu verstehen. Das Gefälle geht nur in eine Richtung.
Die Sprache: Manche Fachleute nennen sprachliche Gründe. Danach ist es wahrscheinlich, dass Johannes mindestens das Markusevangelium kannte. Und Johannes erwartet von den Lesern noch mehr Wissen, als bei Markus steht.
Aber: Unter Fachleuten ist das bis heute umstritten. Johannes könnte auch dieselben mündlichen oder schriftlichen Überlieferungen gekannt haben. Zurzeit gehen aber immer mehr Forschende davon aus, dass Johannes andere Evangelien kannte und weiterentwickelte.
Was spricht dafür, dass Johannes Markus kannte?
Und wenn Johannes Markus kannte: Warum erzählt Johannes manches dann anders?
Manche Fachleute sprechen von „Korrekturen an den Synoptikern“. Das klingt hart. Als hätte Johannes Fehler verbessern wollen.
Vorsichtiger kann man sagen: Johannes gestaltet die Überlieferung . Johannes wählt aus, ordnet neu und denkt darüber nach.
Drei Beispiele:
Jesus und der Täufer: Bei Johannes wirken beide eine Zeit lang gleichzeitig (Johannes 3,24). Bei Markus beginnt Jesus erst, als der Täufer im Gefängnis ist (Markus 1,14).
Wie lange wirkt Jesus? Johannes nennt drei Passafeste. Darum spricht man von drei Jahren. Bei den Synoptikern kommt nur ein Passafest vor. Darum spricht man von einem Jahr. Beide Zahlen sind aber nur Schätzungen.
Die Tempelaktion: Bei Johannes steht sie am Anfang, bei den Synoptikern am Ende.
Und zwei Unterschiede am Ende der Geschichte:
Wann stirbt Jesus? Bei den Synoptikern stirbt Jesus am Festtag nach dem Passamahl. Bei Johannes stirbt Jesus am Rüsttag, also am Tag davor (Johannes 19,14). Der ist ein Vorbereitungstag. „Rüsten“ heißt vorbereiten. Das Fest heißt oder Passa.
Wer sieht Jesus zuerst? Bei Johannes begegnet Maria Magdalena als Erste dem Auferstandenen (Johannes 20,11–18). Oft heißt es: Bei den Synoptikern ist es Petrus.
Aber: Das stimmt nicht für alle drei. Bei Matthäus begegnen zuerst die Frauen dem Auferstandenen (Matthäus 28,9–10). Lukas erwähnt eine Erscheinung vor Simon Petrus (Lukas 24,34).
Manche Fachleute stellen eine spannende Frage: Ist Johannes an diesen Stellen vielleicht historisch näher am wirklichen Geschehen? Das muss man an jeder Stelle einzeln prüfen.
Wie erzählt es Johannes, wie die Synoptiker?
Theologie oder Geschichte: Was erzählt Johannes eigentlich?
Gib einen Tropfen Tinte in ein Glas Wasser. Kurz darauf ist alles blau. Tinte und Wasser lassen sich nicht mehr trennen.
So ist es bei Johannes mit und .
Johannes erzählt die Geschichte Jesu schon gedeutet. Der Glaube bestimmt, was Johannes auswählt, wie Johannes es ordnet und wie Johannes es erzählt.
Darum ist das Johannesevangelium eine theologische : Johannes erzählt von Jesus und denkt zugleich darüber nach, wer Jesus ist.
Bei Johannes wird die Symbolik wichtiger. Die Ereignisse bekommen eine tiefere Bedeutung:
Aber: Mehr Deutung heißt nicht automatisch weniger Geschichte. Eine bewusste Deutung ist keine Erfindung.
Früher schrieb man Geschichte anders als heute. Heute prüfen wir jede Tatsache und belegen sie mit Quellen. Heute gibt es ein Urheberrecht: Man darf fremde Texte nicht einfach übernehmen, bearbeiten und unter eigenem Namen weitergeben. In der Antike war es normal, Überlieferungen aufzunehmen, umzuarbeiten und bewusst auf eine bestimmte Weise zu deuten.
Aber: Auch heute sind wir nicht ganz neutral. Der Unterschied ist: Heute versuchen wir, die eigene Sicht durch Quellen und Begründungen zu kontrollieren.
Was meinst du? Kann eine Geschichte gedeutet sein und trotzdem wahr?
Ereignis oder Deutung bei Johannes?
Und was fügt Johannes den anderen Evangelien hinzu?
Johannes ergänzt die synoptischen Jesustraditionen:
Vor allem vertieft Johannes die Synoptiker .
Der Anfang erklärt alles. Der Anfang heißt (Johannes 1,1–18). Er erzählt vom , dem göttlichen Wort, griechisch λόγος.
Das Wort war schon vor der Welt bei Gott. Das nennt man . Dann wird das Wort Mensch. Das nennt man .
Der Prolog ist ein : ein Text, der erklärt, wie man die ganze folgende Geschichte lesen soll. Wer ihn kennt, versteht: In dem Menschen Jesus begegnet uns Gottes Wort.
Gott zeigt sich aus Liebe. Gott liebt die Welt und sendet den Sohn (Johannes 3,16). Wenn Jesus zeigt, wer Jesus ist, zeigt Jesus zugleich, wer Gott ist (Johannes 14,6; 10,30). Das ist . Der Heilige Geist hilft, das zu verstehen (Johannes 14–16). Darum heißt diese Offenbarung , vom Geist getragen. Jesus betet am Ende für die Seinen (Johannes 17).
Am Ende sagt Johannes selbst, wozu das ganze Buch da ist: damit die Leser glauben, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit sie durch den Glauben das Leben haben (Johannes 20,30–31).
Was weißt du über den Prolog?
Johannes 1
Der Prolog beginnt mit dem Logos, der bei Gott ist und Fleisch wird. Johannes der Täufer bezeugt Jesus. Die ersten Jünger folgen Jesus.
Wo steht bei Johannes die Tempelszene?
Wie oft ist Jesus bei Johannes in Jerusalem?